Meinung: Jörg Langer
Ich bin ein großer Weltraumspiel-Fan, seit Elite, seit Star Control 2, seit Master of Orion, von SF-Filmen und -Büchern (bevorzugt "Hard Science Fiction") ganz zu schweigen. Darum habe ich mich bislang auf kein anderes Spiel mehr gefreut in diesem Jahr als auf No Man's Sky. Gleichzeitig sehe ich prozedurale Spielkonzepte kritisch, sie können super klappen (Rogue und Co.) oder weniger (Elite Dangerous).
Wenn prozedural generiert wird, dann bitte überzeugend. Auf den ersten Blick sehen die Planeten von No Man's Sky super aus und auch auf den zweiten noch vielseitig. Aber denkt man sich die kuriosen Farbkombinationen weg, den roten oder grünen Himmel, die gelben Pflanzen und die blauen Kristallquader – schon wirkt die meist ähnlich verteilte Flora und Fauna weniger abwechslungsreich. Entfernt jetzt noch diese Tapete über dem eigentlichen Boden – und es bleibt eine landschaftliche Varianz, die deutlich hinter der von, sagen wir, Nordamerika zurückbleibt. Ist ja auch klar: Nur weil man einer Pizza einen anderen Belag verpasst, wird daraus kein Grillhähnchen und auch kein Auberginen-Salat. Das finde ich in der Gastronomie beruhigend, bei einem Universums-Erkundungsspiel jedoch abtörnend: Da hätte ich gerne eine viel größere Speisen-Auswahl, optisch wie sensorisch. Etwa Eisplaneten. Canyons bis zum Planetenkern. Quecksilber-Ströme. Oder einfach ein 9km-Gebirge.
Unzählige Spiele, vom allerersten Rogue über Civilization bis hin zu Open-World-Titeln, zeigen, wie man mit ineinandergreifenden Spielsystemen auch unter Verwendung prozeduraler Mechanismen spannende Situationen erzeugt. Situationen, die genau so kein Designer vorhergesehen hat. Selbst im vergleichbar seelenlosen Elite Dangerous entstehen solche Momente, etwa in Verbindung mit Kontrabanden, oder bei Unfällen in Stationen. In Minecraft entstehen sie ebenfalls (Mobs, Lava, Kettenreaktionen), dazu gibt's obendrauf den Kreativitätsbaukasten.
In No Man’s Sky aber greifen kaum Spielsysteme ineinander, entsteht so gut wie nie Unvorhergesehenes, kann ich nicht kreativ sein. Hier geht’s letztlich nur ums Abholzen von Ressourcen, um vorgefertigte Baupläne zu erfüllen. Und obwohl ich viel kaputtmache, verändere ich nichts mit meinen Taten. Dazu die immer gleichen Gebäudetypen mit je einem (oder auch keinem) "Bewohner". No Man's Sky ist wie ein GTA ohne Passanten, ohne Autos, ohne Crashes, ohne Missionen. Dafür mit einer Polizei, die mich angreift, wenn ich zu viel herumliegende Steine sammle. Anders als in GTA gibt's keine Verfolgungsjagden, ich darf nicht aus dem Fahrzeug schießen, und es reicht, den Motor anzulassen, um die Polizei wieder loszuwerden.
Elite Dangerous bietet bei aller Prozedural-Masturbation wenigstens die Beherrschung komplett unterschiedlicher Raumschiffstypen als zentralen, ergiebigen Spielinhalt. Bei No Man’s Sky ist das Fliegen ein Witz: In Bodennähe unbefriedigend, gleichzeitig komplett ungefährlich. Alles ist easy, alles in Sekunden oder maximal zwei Minuten erreicht. Sterben ist jenseits von Weltraumkämpfen schwer. Einige Planeten sind unwirtlich – aber ehrfurchtgebietend? So feindlich, dass ich mich speziell ausrüsten müsste, um länger als eine Minute zu überleben? Ach was: Die „USK 6“ von No Man's Sky zeigt nicht nur den Gewaltgrad an. Elite Dangerous bietet, immerhin, Fraktionen und daraus sich ableitende Missionen und Gefechte. Bei No Man's Sky kämpft niemand gegeneinander; die Zufallsangriffe von Piraten auf Großraum-Schiffe sind nur ein spielerzentrierter Fake.
Ich gebe zu: Das Abbauen von Ressourcen spricht Urtriebe in mir an und ist nett umgesetzt, sodass es stellenweise Sammelwut in mir erzeugte. Das Gefühl „Jetzt spring‘ ich mal ins Raumschiff und düse in 30 Sekunden zum Mond“ ist cool, und bei all meiner Kritik zaubert die prozedurale Superformel immer mal wieder staunenswerte Planeten-Farben-Lebewesen-Kombis auf den Bildschirm. Die Aliens sehen super aus: Keine zwei Vertreter derselben Rasse sind identisch. Das Lernen der ersten Worte fühlte sich toll an, ebenso das erste neue Raumschiff, der Besuch der ersten Atlas-Schnittstelle. Für fünf Stunden hat mir No Man’s Sky Spaß gemacht, weil es etliche dieser „Ersten Male“ bot. Doch die wurden weniger, die Nervpunkte mehr: So gut wie keine Physik. Das Inventar. Die aufploppende Grafk. Die immer gleichen Aktionen. Der fehlende Anspruch. Die generierte Beliebigkeit. Das ewige Zeittotschlagen. Nach 40 Stunden wünsche ich mir, ich hätte nach zehn aufgehört.