Ich denke das schwierige an der Sache ist, das es bei dem Thema schwer fällt mehrere Meinungen zu akzeptieren.
Während ich nachvollziehen kann, dass viele Fans härteres Racing bevorzugen und lieber mehr davon sehen würden, ist es für mich aber sehr schwer zu verstehen wenn dabei auch gewisse Fahrweisen unterstützt werden, die für mich einfach nur gefährlicher Bullshit sind.
Hartes Racing mag spektakulär aussehen, aber ich würde so etwas wie Rosberg gegen Raikkonen zuletzt gebracht hat auch jedes Mal bestrafen. Solche Dinger können zwar manchmal gutgehen wie man bei Ricciardo schon häufig bei seinen divebombs gesehen hat, aber das geht eben auch nur gut wenn der Gegner mitspielt. Wenn nicht, dann gibt es schon mal gerne Schrott.
Bei dem was Verstappen macht reden wir aber nochmal über einen weit härteren Fall, weil man hier nicht einmal mehr immer aufmachen kann. Es braucht nur einmal ein Fahrer nicht hellwach zu sein wie Raikkonen in Ungarn (großartiger Reflex und trotzdem kam es zu einer leichten Berührung) und der Spaß hört auf.
Sich in der Bremszone so spät und reaktionär zu bewegen ist für mich einfach ein no go. Das will ich nicht sehen, ob es in den Regeln steht oder nicht ist dabei eigentlich egal, denn ich denke das ist eine legitime Meinung. Zick-Zack fahren war auch einst legitim, aber wurde zurecht unterbunden. Ist hier in meinen Augen auch absolut notwendig.
Ich bin aber natürlich auch ein harter Fall - ich bevorzuge hartes, aber sauberes Racing und während sich beim Strafenkatalog einiges gebessert hat (ich denke die Aufregung wäre z.b. 2008 bei Hamilton kleiner gewesen wenn man ihn auch mal nur verwarnen hätte können anstatt sofort die dicken Strafen auszupacken weil es früher eben anders kaum möglich war) wird auf der anderen Seite viel zu häufig weggesehen. Dass Dinge oft straffrei bleiben ist für mich noch okay, aber dass man häufig Sachen nicht einmal mehr untersucht, das macht mich sehr stutzig.
Vielleicht bin ich aber auch ein Opfer der Zeit in der ich die F1 anfing besonders intensiv zu verfolgen. Nachdem in den 80ern und 90ern die Gangart härter wurde als zuvor, weil viele vielleicht anfingen an den eigenen Tod nicht mehr zu glauben, fing es um die Jahrtausendwende an wieder sauberer zu werden. Es ist vielleicht kein Zufall, dass gerade Button, Kimi und Alonso einen sehr guten Ruf haben wenn es um das Zweikampfverhalten geht. Schumacher und Montoya waren eigentlich die einzigen "Badboys" dieser Zeit und heute würde auch ein Montoya mit seiner Fahrweise im Zweikampf kaum auffallen.
Das mag viele Gründe haben, z.B. Fahrer dieser Ära (auch wenn da auf Alonso und Raikkonen kaum zutrifft) hatten noch weit mehr Testkilometer auf dem Buckel, waren zum Großteil besser vorbereitet und nicht immer so jung vor dem F1-Einstieg und es gab ohne DRS und ohne abbauende Reifen bei der komplizierten Aero auch generell weniger Möglichkeiten zum Zweikampf. Man darf ja auch nicht vergessen, dass wir heute auch außerhalb der DRS-Zonen mehr Überholmanöver als im letzten Jahrzehnt sehen - einfach weil DRS dich auch generell näher am Fahrer dranhält und es heute auch viel einfacher ist als früher überhaupt in diesen 1 Sek. Bereich zu kommen. Wenn ein Fahrer anno 2006 konstant 1.5 Sek. hinter dem Gegner bleiben konnte, dann konnte man fast mit Gewissheit davon ausgehen, dass er das ein oder andere Zehntel schneller fahren könnte als der Vordermann.
Auf jeden Fall will ich damit sagen, dass dann jemand wie ich vielleicht davon auch geprägt wurde und das führte auch unweigerlich dazu, dass ich zu Neulingen wie Vettel oder Hamilton, die sich in der Anfangszeit das ein oder andere Mal gerne verschätzten, sehr, sehr hart war.
Aber genau das ist z.B. ein Punkt der im Vergleich zu einem Vettel oder Ham heute häufig erst recht gegen Junge Fahrer spricht. In Ansätzen würde ich das auch schon gegen den etwas jüngeren Perez und in seiner Rookie-Saison Magnussen behaupten, aber Ves treibt es aktuell auf die Spitze: Da wird sich im harten Zweikampf nicht mehr nur verschätzt, sondern da wird vorsätzlich das Auto reaktionär vor den Gegner gestellt. Das kann man Ros und Ham vielleicht auch mal vorwerfen wenn es darum geht sich raustreiben zu lassen, aber hat bei Ves eine andere Qualität, denn da heißt es wirklich bei höheren Geschwindigkeiten "friss oder stirb" und das auch noch berechnend.
Es ist kein Verschätzen bei Ves, sonder nein Verteidigungsstil und das ist das Problem.
Wir haben es ja immer wieder von vielen Fans in den vergangenen Jahren gelesen: Es fehlen die harten Zweikämpfe, es fehlen die Typen wie Montoya, es ist zu sauber, zu glatt und man will wieder die Zustände der 80er und 90er zurück als der Fehdehandschuh häufiger ausgepackt wurde.
Imo sind wir aktuell schon wieder sehr viel härter untwerwegs im Schnitt als zuletzt. Wir sehen einen Ves der bei jeder Gelegenheit so spät wie möglich zuckt als wäre er auf der Kartbahn oder in der F3 hängengeblieben, wir sehen immer mehr Zick-Zack, wir sehen divebombs, die häufig gar bejubelt werden, weil der andere Fahrer nachgibt.
In einem anderen Forum, in dem ich auch versuchte den Leuten klarzumachen, dass auch in den guten alten Tagen der 60er oder 70er kaum Rennfahrer ein Bewegen in der Bremszone für großartiges und faires Racing hielt, habe ich gestern ein sehr schönes Zitat von jemanden aufgeschnappt, der vielleicht nie als der Schnellste galt (sein Sohn ist imo in Sachen Speed eine Klasse besser), aber als harter Kämpfer und starker Racer mit unglaublicher Fahrzeugbeherrschung galt:
Everything really began to change in the '80s. "Today," said Keke Rosberg, in 1984, "we're coming to a situation where weaving and blocking are totally acceptable - even praised! And I find that a shame. What angers me is when a guy chops across straight at you, so you either give way - or hit him. That's not Grand Prix racing. There's a difference between being tough and being unfair. If someone outbrakes me, I take my hat off to them and say well done. But when someone swerves around in the middle of the straight, that's a different matter.
Und dem stimme ich eben 100% zu. Da bin ich dann auch wirklich der Meinung, dass ich lieber wieder ein paar Prozessionsfahrten sehe oder Rennen wie Imola 2005/06, Indy 2007 oder Singapur 10 bei denen es eben mal mehr über die Spannung als über die großen Überholversuche kommt, als das Gefühl nicht loszuwerden, dass ein Überholmanöver oder ein Zurückhalten des Gegners nur deswegen gelang, weil ein Fahrer dem anderen vor die Wahl stellt: Stecke zurück, oder wir schießen uns ab. Das sieht spektakulär aus, aber das ist kein Racing.