Das Ende der "post-sozialistischen" Linken
(Die Rose als Zeichen der Sozialdemokratie - wird sie wieder blühen?)
Götterdämmerung
Was fällt einen zu "linken" Wahlergebnissen in Europa, innerhalb der letzten 4-5 Jahre, ein?
Tod, Teufel, Verwüstung, Elend, Untergang?
Gar nicht mal so falsch. Frankreich, Deutschland, Österreich ( regional, hier sind die Konservativen nur halt genauso schwach), Niederlande, Italien, Schweiz etc sind Beispiele für "Sozialdemokratien", die stark verloren haben und oft sogar historische Tiefs erreicht. Weit mehr als zu Zeiten des Mauerfalls, wo der, sogenannte, reale Sozialismus untergegangen und man doch eigentlich hätte annehmen müssen, dass "linke Ideologien" massiv verlieren. Ein erster Trugschluss: Die radikalsten Einschnitte des neuen Liberalismus wurden in einem Zeitpunkt gesetzt, wo sich die Sowjetunion noch bester Gesundheit erfreute, und man ein harter Idealist sein musste, um von "Glasnost" zu träumen. Mit dem Ende des Schreckgespenstes kam es regelrecht zu einer Renaissance der Sozialdemokratie. Und zum "grausamen" New-Deal, Marke Clinton, Schröder, Blair.
Grausam deshalb, weil die meisten Parteigänger, zumindest die beiden letztgenannten, heute nicht mehr sehen wollen. Der Irakkrieg und, natürlich ungleich harmloser, aber vermutlich genauso verhasst, Hartz4 bleiben als ideologische Nachwehen dieser Zeit. Das eine altehrwürdige, politische Richtung, wie die europäische Sozialdemokratie, sich erneuern will, ist ja eigentlich ehrenwert, logisch und mit der verändernden Realität nur zu gut zu vereinen - wo ist/war also das Problem? Warum verliert die Rose heute so viele Wahlen? Oftmals wird über die "Sozialdemokratisierung" der Christparteien gejammert, die ebenso die Zeichen der Zeit erkannt haben und zur Mitte schwenken. Viel weniger wird aber darüber geredet, dass die Sozialdemokratie nicht "nur" Werte ( die zwar festsitzen können, aber an sich eben nur wenige interessieren, da das Spektrum, welches mit Abneigung gegen Homosexuelle und radikaler Verteidigung des Katholizismus [ungleich Christentum] zu erreichen ist, sehr viel schneller schrumpft.) verschenkt, sondern ganze Realitäten geändert hat.
(Was bleibt von der einst so stolzen Partei?)
Krieger des Lichts
Schauen wir uns das am Beispiel Deutschland an:Statt Solidarität predigt man seit Clemens von "Eigenverantwortung", statt eisenharter Verteidigung von Arbeitnehmerrechten, gab es den "Genossen der Bosse". 1998 war man in good ol' Germany müde vom "ewigen Kanzler" und die Mischung aus Kernklientel + neu konstruierter Sozialdemokratie war für eine Mehrheit erstrebenswert. 2002 gab es bereits erste Rücksprachen, aber gegen einen national verhassten Stoiber konnte man sich dann doch wieder retten - auch dank der Schützenhilfe der Grünen, die ihre Klientel eben nie verlassen hatte und daher stark gewonnen. Grüne waren in meinen Augen immer schon "Luxuslinke", sozial denkende Menschen höheren Bildungs- und Konstandes, die sich eben den Luxus eines globalen Gewissens, über ihre eigene Schicht hinweg leisten. Das in Deutschland noch eine Portion Klassenkampf dazukommt ist wahr, dennoch würde niemand auf die Idee kommen, die Grünen mit den Postkommunisten der Ex-PDS zu vergleichen. 2005 konnte die SPD, durch die Wahlkampflokomotive Schröder und der neoliberalen Einengung Merkels nochmals knapp in Nähe des Kanzleramtes kommen - aber das reichte dann doch nicht, und Schröder verschwand, konsequent, in die unmoralischten Gebiete der Privatwirtschaft. 2009 hingegen implodierte das, was der gute Medienkanzler zurückgelassen hatte - eine unbeliebte, leere Partei, deren Konzepte verhasst waren, die ihr Klientel bewusst verschreckt hatte und aktiv gegen sie regiert.
Deutschland ist aber kein Einzelfall: Siehe Österreich, siehe Ungarn, und nächsten Monat Grossbritannien. Natürlich gibt es Linksparteien, die aufgrund der jeweiligen Lage verlieren, wie etwa in Italien, wo man gegen eine perfekte Propagandamaschine antreten muss, in einem Land, das man nur noch mit sehr viel Phantasie "demokratisch" nennen kann. In den grossen Ländern, in denen Ideologie gemacht wird, ist das Ergebnis aber klar. Bei der letzten Wahlen waren die Linken in Frankreich und Deutschland am Boden, Labours New Way wird in Bälde folgen und in Polen, dessen Linke sich 2005 für locker ein Jahrzehnt verabschiedet hat, muss man schon froh sein, dass mit Tusk wieder ein gemässigter Konservativer regiert. Generell kann man wohl den Schluss ziehen: Die Verbindung von gesellschaftlichen Liberalismus mit marktwirtschaftlichem Radkalismus ist ein Randgruppenthema. Eines das meistens schon von Parteien wie der FPD besetzt ist, die zwar momentan meistens selber in der Krise sind, aber gut vernetzt. Infolge des Primats der Wirtschaft, welche die Politik seit bald 20 Jahren dominiert, werden die klassischen Arbeiter nicht mehr - im Gegenteil, es sieht eher so aus, als würden in ein paar Jahren auch die letzten Massenfabriken zusperren. Gleichzeitig ist aber eine neue Unterschicht entstanden, die immer weniger verdient und oftmals trotz Arbeit in der Armutsfalle steckt.
Und diese Menschen fühlen sich von ihrer natürlichen Vertretung, der Sozialdemokratie, nicht mehr unterstützt - zu Recht. Deshalb blühen links- und rechtspopulistische Parteien en Masse auf, die von Proletariat und enttäuschen Linksintellektuellen gewählt werden. Weil es im Sozialbereich eben keine wirkliche Alternativen mehr gibt. Dadurch entstehen Bewegungen, die zu einem guten Teil aus Leuten bestehen, die keinen Anschluss mehr haben und in vielfacher Hinsicht einfach "asozial" sind. Nicht als Beleidigung gedacht, sondern als Definition. In einer Welt, in der alles immer besser, schneller, stärker, weiter, höher und mutiger sein muss - wer vertritt da eigentlich noch die, die es nicht schaffen? Wer denkt an die, die Fundamente bilden und dafür minimal bezahlt werden, die all die Jobs machen, die sonst keiner will? Die die scheinbar nichts "leisten" und von Medien und Politikern, aufgrund Ideologie und einiger schwarzer Schafe, generell als Semiverbrecher, jedenfalls aber als Schlappschwänze und Faulenzer gesehen werden. Die man eigentlich für jede Sklaventätigkeit auf die Strasse treiben sollte, oder die halt einen Zweitberuf machen sollten, wenn sie eben nicht durchkommen. Verprassen sicher alles für Flachbildschirme und Bier, wieso sollte der ehrliche Bürger da noch etwas draufzahlen?
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Die Ungarische Garde bei paramilitärischen Übungen. Wie ihre Mutterpartei "Jobbik" ein Ergebnis des Versagens der "Volksparteien".)
Extremwerte
Das ist seit jeher die Grundlage aller extremen Parteien, die zwar selber nicht wirklich was zustande bringen, ohne die Demokratie auszuschalten oder zumindest einzuschränken, aber eben als Einzige voll und ganz auf die setzen, an die sonst keiner denkt. Ist es da wirklich verwunderlich, dass fragwürdige Parteien des gesamten Spektrums, egal auf welcher Seite und unabhängig davon, wie viele Skandale sie genereien, einen Erfolg nach dem Anderen absahnen? Das hier ein ganz einfaches Auswahlverfahren stattfindet, in den man sich Lösungen von der Partei verspricht, die einem am wenigsten beleidigt oder gar als Opfer böser "ausländischer", "jüdischer" Kräfte oder einfach nur des "Heuschreckentums" darstellt ? Beinahe ironisch erscheint es schon, dass die CDU es inzwischen besser versteht, sozial schwächere Schichten anzusprechen, als die Sozialdemokratie. Es blühen zwar Bewegung die "Nein zum Linksruck" in der Christdemokratie auf, aber die verblassen einfach nur neben der, nach wie vor, souveränen Kanzlerin, deren Lächeln weitaus tödlicher ist, als das Dauergrinsen des schwachen österreichischen Kanzlers. Merkel weiss, dass sie Recht hat. Das ihre Politik dafür sorgt, dass die Wiege der Christdemokratie eine Macht bleibt. Radikale Wege, wie der des Friedrich Merzs, hätten auch diese Partei heruntergewirtschaftet. Weil das Ideologie gewesen wäre und immer weniger ankommt, besonders in Zeiten, in denen es ungemütlicher wird und die Gesellschaft doch lieber wieder mehr zusammenrücken würde.
Alle Volksparteien Europas schrumpfen - nur manche eben sehr viel schneller. Nicht alle, aber die meisten Christdemokratien haben sich als wandelbarer erwiesen, als ihre linken Pendante, vereinen sie doch jeher weitaus mehr Bünde und Interessen, als jede andere Partei. Sprituelle Energie wie Glauben verstärkt einen solchen Effekt noch. Auch wenn es angesichts des sozialdemokratischen Untergangs vergessen könnte - es lösen sich eben auch christlichsoziale Bewegung auf und alte Parteibindungen schwingen. Die Union hatte 2009 das schlechteste Wahlergebnis seit 1945 - es interessiert aber nicht. Weil man sich, angesichts der Umstände, eben doch sehr gut geschlagen hat und den aufgeklären "Konservativismus" weitergehen kann, einem Ideenbündnis, dass mit der Idelogie Bismarcks oder auch nur Adenauers nicht mehr sehr viel anfangen kann. Gestalten wie die, im Internet verhasste, in der Bevölkerung höchst populäre Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, symbolisieren diesen Kurs perfekt - viele Kinder UND Karriere, ohne die Moralkeule einer Eva Hermann, deren Kurs man in Deutschland nur noch bei der NPD findet.
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Die deutsche Börse. Anteile an Unternehmen als Inbegriff des Kapitalismus.)
Zwischen Marx und Hayek
Wo soll also in einem solchen Gemischt die, momentan mehrheitlich in der Opposition steckende, Sozialdemokratie sich wiederfinden? Wo kann sie sich positionieren? Wer wird sie noch warum wählen, und wie kommt man aus dem Sumpf wieder heraus? Gibt es überhaupt eine Zukunft, für die Urmutter der Demokratie neueuropäischen Zuschnitts?
Ich meine ja, speziell heute. Europa hat die Wirtschaftskrise auch deshalb besser überstanden als Amerika weil wir, aus unserer sozialdemokratischen Tradition heraus, stärkere Regulierungstendenzen haben als Amerika und die Institution des Sozialstaates geschaffen haben. Auch wenn viele Libertäre ihn gerne abschaffen würde, oder es einengend finden, Absicherungen zu haben, ohne sie zu wollen. Hier geht es nicht primär um Einzelpersonen, sondern um den allgemeinen Wohlstand der Gesellschaft. Ohne die Benutzung dieser Gelder für jedermann, wäre es sinnlos sie zu bewerten. Was unterscheidet ein Land wie Österreich noch von Albanien, wenn nicht auch der Durchschnittsbürger etwas von dem Wohlstand erhalten kann, den das Land besitzt. Nirgendwo auf diesem Planeten ist die Lebensqualität höher und, ungeachtet der dauernden Drohungen von rechtskonservativen Zeitschriften, wie etwa der "Welt", nicht jeder Mensch denkt nur in ökonomischen Sachzwängen und maximaler Rendite. Nicht jeder Akademiker zieht in das "Land der unbegrenzten Möglichkeiten", nicht jeder legt sein Geld in Steueroasen an. Weil es eben doch so etwas wie einen "common sense" gibt und die Situation in Mitteleuropa für alle gerade deshalb so angenehm und sicher ist, weil es eben, im Verhältnis, so wenig Armut gibt und auch die diese Menschen mehrheitlich nicht verrecken.
Der Neoliberalismus ist inzwischen das vermutlich stärkste poltische Kampfwort Europas. Wenn ein Politker seine Auswüchse geisselt kann er sicher sein, dass er en klatschendes Publikum vorfindet. Alle Probleme diesem Gedankenkonzept aufzuhalsen ist falsch und dumm. Einengend und nur eine moderne Form des Sündenbocks. Staatliche Wirtschaftsbetriebe sind oft wirklich korrupt und es war nichts Falsches daran, zumindestens auszuprobieren, ob private Betriebe nicht viele Probleme eher lösen können. Problematisch wurde es erst, als der Versuch zur Idelogie und zum Dogma wurde. Unabhängig davon, wie sinnvoll oder durchdacht eine private Übernahme auch war. An den ursprünglichen Zielen hat sich dabei aber kaum etwas verbessert - erst gab es Staatskorruption durch ausgehandelte Generaldirektoren und sonstigen Postenschacher. Danach gab es Politiker die aus der Industrie kommen, im Bundestag für die Wirtschaft lobbyierten und danach wieder in die Wirtschaft gingen - oftmals zum gleichen Konzern. Jeder zweite Politiker scheint eine natürlich Befähigung zur Unternehmensberatung zu haben - oder sind das vielleicht alles nur Versorgungs- und Geschenksposten für die Mühen des armen Abgeordneten, bei dem Versuch Steuern und Auflagen zu drücken, um die öhm..Konjunktur nicht abzuwürgen?
Kapitalismus ist an sich natürlich nichts Schlechtes und der uralte Spruch stimmt, wir haben bisher kein besseres Konzept gefunden. Müssen wir das aber überhaupt? Ein System, welches elastisch genug ist, gleichzeitig den Staatskapitalismus Chinas, den No-Limit-Kapitalismus Amerikas und die soziale Marktwirtschaft Deutschlands auszuhalten? Kapitalismus ist ein plastilinartiges, dauerhaft in Bewegung befindliches Grundmuster, welches nach Belieben ausgestatt und mobiliert werden kann und das ist sein grösster Vorteil. Andere Idelogen, wie Guido Westerwelle, sehen natürlich nur den amerikanischen Kapitalismus als "wahrhaftige" Erbin des "Manchester Kapitalismus" und einzige Wahrheit. Das das in Deutschland befindliche System genauso Kapitalismus ist oder vielleicht sogar der "bessere", weil sozial/real verträglichere, würde einem Kopf wie dem Aussenminister niemals einfallen. Vermutlich würde es ihn sogar abschrecken - hat er doch gerade mit seiner felsenfesten und unverrückten Ideologie die letzte Wahl quasi gewonnen. Neben Fragezeichenströmungen, die nicht mehr in der Lage sind ihre ganzen Apparate anzusprechen, sind glasklare Richtungen eben bevorzugt, auch wenn viele der Wähler scheinbar gar nicht wussten, was sie da eigentlich ankreuzen.
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England - das letzte Land des "New Ways" und das erste Land der "neuen Linken"?)
Britische Verhältnisse
Entgegen den Unkenrufen von Extremparteien, die alle anderen häufig als "Systemparteien" verunglimpfen. Man muss nicht selber radikal werden, um heute als "linke" Partei noch zu gewinnen. Progessive und auch durch und durch traditionalistische Strömungen aus ganz Europa florieren und gewinnen, es wird nur von den Niederlagen der unglücksseligen "New-way"-Parteien überdeckt. Portugal, Spanien und Griechenland, wurden in den letzten Jahren "sozialistisch", die ersten beiden davon, sogar bereits zum zweiten Mal in Folge. Aufgeklärte und fortschrittliche Sozialdemokraten kämpfen dort für Gesamtschulen, Homoehen und für ein mehr an Regulierung - und haben Erfolg. In Griechenland wird momentan ein knallharter Sparkurs gefahren, der aber eben wirklich alle Mitglieder der Gesellschaft betrift - und trotzdem hat der sozialistische Premier überragende Beliebtsheitswerte. In Tschechien und Schweden, werden dieses Jahr noch linke Strömungen das Ruder herumreissen, Frankreich ist bereits seit Jahren regional absolut von linken Parteien regiert, in den Niederlanden könnte der Rechtspopulismus eines Geert Wilders der Christdemokratie so zusetzen, dass am Ende auch dort die Sozialdemokratie als lachender Dritter dasteht. Auch in Norwegen konnte sich die, mehrfach totgesagte linke Regierung halten - wie es scheint sind die Gerüchte über das Ableben der Sozialdemokratie stark übertrieben.
Viel mehr ist es so, wie im Verlauf dieses Textes bereits mehrfach dargelegt, dass der Versuch die Privatisierungs/Leistungs-Ideologie zu sozialdemokratisieren, um enttäusche Konservative und ideologiefreie Junge anzuziehen, gescheitert ist. Viel mehr hat man sich für eine längere Zeit ins Aus katapultiert, und statt neuer Gewässer die alten Schichten verschreckt. Die heute regierenden Linken haben das verstanden und versuchen dem, zu spät aber doch, entgegenzusteuern. Gordon Brown in England wird das nicht mehr retten - denoch ist es wichtig, zum Abschluss noch einen schnellen Blick auf England zu werfen, um eine neue Perspektive für linke Parteien zu sehen. Nach dem Dauerblender und Inselschröder Blair, der durch Charisma und Show die Tories zur Zwangserneuerung veranlasst hat, kam der kantige und spröde Brown. Ein Politleichtgeicht, ohne jegliche Ausstrahlung, der keine Netzwerke hatte und zuviel aus der Blairzeit mitverantworten musste, um je eine Chance gehabt zu haben. Das er nebenbei noch ein paar andere negative Eigenschaften vereint, die für Politiker nicht ganz vorteilhaft sind, ist nur noch die Draufgabe. Cameron hingegen, der Spitzenkandidat der Tories, ist aufgeklärt. Sozialer als seine Vorgänger, ganz anders als alten Männer, die sich jeweils an Thatcher hielten und ihr "Lordtum" noch anpriesen. Der "nice guy" von nebenan ist jetzt viel beliebter und viel mehr mussten man neben einem Unsympathen wie Brown auch nicht zeigen.
Dachte man - bis 2009 in England eine Politbombe geplatzt ist, von der sich bis jetzt keine der beiden bisherigen Grossparteien völlig erholen konnte. Massive Korruption im gesamten Unterhaus, bis in die Ministerriege und ein Milliardär als Schattenchef der Tories, der sein Vermögen in einem Steuerparadies, irgendwo in Mittelamerika, hortet. Skandal um Skandal häuften sich und sorgten dafür, dass nicht nur der ohnehin tote Brown, sondern auch Saubermann Cameron in den Abgrund gerissen wurden. Der scheinbar so riesige Abstand den die Konservativen angehäuft hatte ( immerhin ist England das letzte sozialdemokratische Land, in dem die Führung noch nicht für ihren "new way" abgestraft wurde) wurde kleiner...und kleiner....bis man sich, 2 Monate vor der Wahl, quasi damit abgefunden hat, dass, trotz Mehrheitswahlrecht, keine der beiden Grossparteien die absolute Mehrheit erlangen wird. Dennoch konnte man die Tories als sichere Wahlgewinner sehen - bis diesen Donnerstag, als das erste, jemals in England aufgezeichnete, Fernsehduell der Spitzenkandidaten stattfand.
Neben dem grauen Brown und dem "smarten" Cameron stand dort auch noch der Kandidat der Liberaldemokraten, Nick Clegg. Und dessen Charisma und Performance könnten einen Erdrutsch auslösen. Nicht nur, dass der bisher relativ bedeutungslose Clegg die Diskussion laut Umfragen eindeutig gewonnen hat. Seine Partei, die Liberaldemokraten, konnten, wie ein Wunder, in ersten Umfragen um fast 10% zulegen und steht damit quasi gleichauf mit den bisherigen Reichsverwesern von links und rechts. Wofür stehen diese Liberaldemokraten denn eigentlich? Marktwirtschaft a la FDP? Weit gefehlt: Zwar ist. logischerweise, auch hier der Glauben an den freien Markt, fest verankert, daneben ist die Partei aber für quasi alles, was auch der kontinentalen Linken auf der Zunge liegen müsste. Gegen Atomkraft, für den Sozialstaat, gegen Steuerlücken für Reiche, für mehr Umweltschutz, gegen den Irakrieg und im Notfall eben auch für höhere Steuern. Ein Mix, für den sich bisher schon 20% der Wähler begeistern konnten und der jetzt, wo die anderen Parteien tief in der Krise stecken, entscheidend werden könnte. Die Briten gieren scheinbar nach unbefleckten Politikern, die nicht im Korruptionsskandal stecken. Ein weiterer Beweis dafür, dass die Unbeliebtheit Gordon Browns Schuld und die der "New Labour" ist und nicht die, angeblicher, "linker Werte".
(New Way von Schröder, Blair und Co als Ergebnis der Bedeutunglosigkeit der Politik. Kommt der Staat supranational zurück?)
Fazit: Sozial geht nur international
Der allerwichtigste Punkt für Anhänger von sozialdemokratischen Werten ist aber: Nick Cleggs Liberaldemokraten sind EU-Verfechter. Es wäre an sich nicht schlimm, wenn in England mal wieder die Konservativen regieren würde. Cameron ist einer der harmloseren Gestalten dieser Art und die Labour hätte es verdient, zumindest 1-2 Perioden zu verschwinden. Nur in einem, zentralen, Punkt ist Cameron nicht gemässigt: in der EU-Frage. Die typische EU-Skepsis der Briten wird da bewusst populistisch ausgenutzt, um gegen Euro, Brüssel und Lissabon Politik zu machen. Das Krawallbrüder wie der, kürzlich verunglückte, Präsident Polens und tschechische Präsident Klaus, so reagieren würden war klar. Das die Tories, eine altehrwürdige Partei der Oberschicht, hingegen bei solchen nationalistischen Spielchen mitmachen würden, konnte nicht vorhergesehen werden. Nicht nur, dass Cameron damit wahlkämpft, er würde, falls er gewählt werde, eine, sinnlose, Volksabstimmung über den bereits abgeschlossenen Vertrag machen - aus Protest sind die Tories sogar aus ihrer europäischen Mutterpartei, der EVP ausgetreten, und haben sich mit einer Reihe rechtsnationalistischer anderen Parteien zu einer reinen Protestbewegung zusammengeschlossen, in der sich auch Antisemiten und Schwulenhasser tummeln. Was den werten Herren nicht zu stören scheint, solange man gegen die EU hetzen kann. Der maximale Grund, weshalb es erfreulich wäre, sollte es zu einer Koalition zwischen Labour und Liberaldemokraten kommen - vielleicht springt ja sogar ein Verhältniswahlrecht dabei heraus?
New Labour und die gesamte, neoliberal angehauchte, "neue" Sozialdemokratie entstand als Ergebnis der Schwäche der Politik gegenüber der Wirtschaft. Die EU hingegen, und speziell deren Parlament, welches bei jedem neuen Vertrag immer stärker wird und direkt vom Volk bestimmt wird, könnte die Lösung jenes "Problems" werden. Staatenübergreifende Wirtschaftsbeziehungen entmachten nationalstaatliche Klein-Klein-Politik. EU-weite Policen, wie sie aktuell angedacht wurden, bis hin zur mystischen "Wirtschaftsregierung", sind quasi das Gegenmittel. Sollte der gesamte EURO-Raum Mindeststandards setzen, etwa im Sozialbereich, oder ein gemeinsames Ziel verfolgen, wird das Primat der Wirtschaft wieder ausgehebelt und die Staatenlenker melden sich zurück, die aber wiederum der Bevölkerung gegenüber verantwortlich sind. Auch wenn die Politiker sich heute schon gerne an Brüssel "abputzen", wenn sie Dinge umsetzen wollen, die nicht populär sind und wir dann noch mehr Transparenz und noch mehr kritische Kontrollinstanzen und genau draufschauende Medien brauchen: Nicht weniger sondern mehr Integration sind notwendig.
Man kann von Unternehmen keine Dinge verlangen, die man auf der anderen Seite wieder torpediert. Einerseits maximalen Profitgedanken huldigen, andererseits nur begrenzte Regulatorien bereit zu halten, ist keine vorausschauende Politik sondern "Naivität". Innerhalb festgesetzter Regeln sollen und müssen Unternehmen sich entfalten können, um sich weiterzuentwickeln und Kreativität/Produktivität nicht einzuschränken. Diese Regeln und ihre Transparenz sind aber fest einzuhalten und nicht verrückbar und wenn die Unternehmen supranational agieren, müssen das dann eben auch die Staaten. Keine andere politische Bewegung vertritt dieses Denken, rein historisch/ideologisch, mehr als die Sozialdemokratie.
Es wird also Zeit, dass diese alte Partei sich wieder erfängt und nicht in Hetze gegen Brüssel oder Kapitulation, gegenüber den Geistern die man rief, oder sogar Sozialpopulismus und "Westerwellismen", ergiesst, sondern, im Sinne der eigenen Wutzeln" nach vorne blickt, die EU als Chance sieht und den Ärmsten und Verlierern der Gesellschaft, neben dem Appell, dass Arbeitswillen wichtig ist und man sich einbinden muss, eben auch Perspektiven erschliesst. Wer nicht arbeitet hat weniger, als der der arbeitet. Aber leben sollen beide davon und wer arbeitet, braucht auch kein Geld vom Staat. Mitten in der Finanzkrise ist die Sozialdemokratie aktueller denn je - sie muss sich nur wieder selbst finden, dann findet der Wähler auch wieder sie. Regional, national, global!