Ultrix schrieb:
Ebenso stelle ich meiner näheren Umgebung auch gerade jetzt überraschend fest, dass die FDP vor allem bei Jungendlichen meines Alters extrem beliebt ist, man trifft in örtlichen Kneipen immer wieder auf Mitglieder und ich kenne einige, die jetzt gerade mit dem Gedanken spielen, einzutreten. Und das sind zum Großteil alles Erstwähler, die daher wohl nciht in den Prognosen auftauchen, also durchaus denkbar, dass das ein Gesamttrend für das Saarland ist.
Das ausgerechnet die FDP mit so positiven Eigenschaften besetzt wird, verstehe ich immer noch nicht ganz. Denn wenn man sich die Ursachen, die zur derzeitigen Krise geführt haben betrachtet, liegen diese nämlich genau in der Ideologie, die die FDP immer Vertritt. Die FDP nur als "Reichenpartei" zu betrachten ist dabei natürlich zu einseitig. Aber wenn etwas die FDP
"auszeichnet", sind das zumeist die Forderungen nach Entstaatlichung, Privatisierung, Abbau sozialer Errungenschaften (die über die Jahrzehnte im wahrsten Sinen des Wortes mit Blut, Schweiß und Tränen erkämpft wurden) und Deregulierung. Wobei man sich immer darauf beruft das der freie Markt das schon regeln wird - eben die typischen marktradikalen Utopien, die spätestens mit der derzeitigen Wirtschaftskrise eigendlich als längst überholt angesehen werden sollten. Also wenn man die FDP all das tun lässt, was sie immer fordert, bekommt man am Ende wieder die verheerende neoliberale Politik unter Rot-Grün und Rot-Schwarz zurück - nur diesmal in potenzierter, noch radikalerer Form.
Der Rückzug des Staates gilt aber natürlich nur, wenn diese Maßnahmen der Entstaatlichung Profite versprechen, bei
Verlusten darf der Staat
natürlich gerne belastet werden.
Oder um mal den verlinkten Artikel (der sich auf die Bankenrettungen bezieht) zu zitieren:
...
Die HRE fallen zu lassen, würde den Pfandbriefmarkt zum Kollabieren bringen und das kann der Staat nicht zulassen. So nahm er die HRE an seinen Tropf. Dass dies genau fünf Jahre nach Gründung der HRE geschah, also exakt einen Tag
nach Ablauf der Verjährungsfrist für Schadensersatzansprüche an die HypoVereinsbank, ist natürlich reiner Zufall. So wollen es zumindest die Volksvertreter, die bereits 92 Mrd. Euro an öffentlichen Geldern durch den Tropf der HRE fließen ließen. 92 Milliarden Euro? Das sind 1.100 Euro pro Bundesbürger, vom Säugling bis zum Greis - damit könnte man 20 Monate alle Hartz-IV Kosten bezahlen, unzählige Schulen renovieren und die deutschen Universitäten zu Leuchttürmen der Bildung machen. Man könnte das Geld aber auch in einer bayerischen Ramschbank verbrennen, um den Finanzjongleuren auf den Caymans und den Bermudas eine Freude zu machen. Die deutschen Politiker werden zwar nicht auf den Caymans oder den Bermudas gewählt,
aber ein Volk, das aus Protest FDP wählt, hat sicher Verständnis für diesen Solidaritätsakt gegenüber den Finanzjongleuren.
...
Daran ändern die wenigen freiheitlichen Ansätze (also gegen Überwachung etc.) auch nichts, weil davon in einer Koalition ohnehin nichts übrigbleiben wird (weshalb ja auch die Grünen in der Koalition ihre komplette Glaubwürdigkeit verloren haben), denn genau diese wird die FDP als erstes opfern, wenn man (bzw. deren Koalitionspartner) sie im Gegenzug ihre marktradikale Ideologie umsetzen lässt. Die Forderungen nach Steuersenkungen sind auch recht scheinheilig, weil sie erstens bei den unteren Einkommenschichten (die ja durch die neoliberale Politik der letzen Jahre massiv ausgeweitet wurden) ohnehin kaum ankommen werden und zweitens sowieso nicht finanzierbar wären. Wie schon unter Rot-Grün und Rot-Schwarz wird meist nur ein immer kleiner werdendes Klientel bedient und sozusagen Minderheitenpolitik für die Sieger der Einkommensumverteilung der letzten Jahre betrieben. Denn dieses kleine Klientel hat im Gegensatz zu den immer zahlreicher werdenden prekär Beschäftigten nun einmal eine mehr als starke Lobby.
Gerade CDU, SPD und Grüne erzählen ja immer, daß die Politik nichts für die Krise könnte und man nur überrascht worden sei, dabei waren es ja z.B. Leute wie der ehemalige Finanzminister Eichel die die "Freiräume geschaffen haben" (also klassischen Deregulierung durch die Rücknahme staatlicher Kontrolle) für die "kreativen Finanzkonstrukte", welche jetzt alle zu den Milliardenverlusten der Banken geführt haben. Man hat in der Politik also einfach beide Augen zugedrückt. So etwas liegt aber auch an den Verstrickungen der Politik mit der Wirtschaft, also der immer einflussreichere Lobbyismus, welcher die Demokratie untergräbt. Es gibt da ein lustiges "Bäumchen wechsle dich"-Spiel von Politikern in Vorständen diverser Unternehmen (oder andersweitige Beteiligungen) z.B. mit der Energiewirtschaft (Schröder-Gazprom; allgemein klüngelt gerade die SPD gerne mit der Energiebranche. Wolfgang Clemens - Atomlobbyist, der ja mit seiner Politik auch der Sklaven- ...äh Leiharbeitsbranche zu mehr Umsätzen verholfen hat), Überwachungstechnik/Rüstung (z.B. Otto Schily, welcher mit der Forderung nach neuen biometrischen Pässen seinem späteren Arbeitgeber Gewinne eingebracht hat) oder Versicherungbranche (z.B. Riester ...). Von der von fast allen politischen Lagern verhätschelten Autobranche brauche ich erst gar nicht anzufangen. Als man schon in recht vielen Zeitungsartikeln einzelne Protagonisten der Branche sozusagen im Sinne von "Ihr werdet mit euren rückständigen Benzinschleudern auf die Schnauze fallen!" fast schon anschrie, hat man dort (wie immer erfolgreich) weiter Druck auf die Politik gemacht, das man unbehelligt immer noch so weitermachen konnte und das die Spritschlucker von der Politik sogar noch gefördert werden sollen. Das was eigendlich von der Fahrzeugbranche (schon vor Jahren) selbst hätte unternommen werden müssen, also die Entwicklung von kleineren spritsparenden Fahrzeugen und/oder alternativen Antriebsystemen, wollte man sich ausgerechnet dort, wo man sich einer Einmischung des Staates immer so sehr verbietet, vom Staat bezahlen lassen. Und diese, durch eigene Unvernunft und trotz Einflussnahme auf die Politik, ins straucheln gekommene Industrie, muss am Schluss vielleicht sogar noch mit Steuergeldern am Leben gehalten werden.
Es war daher schon schlimm genug, was man unter Rot-Grün alles angerichtet hat, indem man Kontrollmechanismen der Finanzbranche abgeschafft hat. Hätte die FDP ihre Art der (Lobby-)Politik damals mit einbringen können und hätte die Kontrollinstanzen noch radikaler als schon CDU/SPD eingeschränkt, wären die Verluste der Banken mit Sicherheit noch größer und uns würde es jetzt wie Island, Irland, Großbritannien oder gar der
Schweiz ergehen. Und wie immer werden die Verluste der Wirtschaft, die zumeist durch eigene Fehler, Mismanagement und Einflussnahme auf die Politik verursacht wurden am Schluss auf die Allgemeinheit abgewälzt.
SnapDragon schrieb:
Aber das man als Akademiker mehr verdient ist eigentlich logisch. Ca. 10 Jahre längere Ausbildung ohne Einkommen...das muss man erst wieder aufholen. Falls du nach dem Studium das selbe machst wie Haupt- oder Realschüler...dann hast du wahrscheinlich den falschen Job.
So einfach würde ich es mir nicht machen. Bei der derzeitigen Arbeitslage dürfte es wohl auch für Studierte nicht unbedingt mehr
so einfach wie früher sein eine wirklich gut bezahlte Stelle zu bekommen. Die Zeiten in denen galt Studierter=Besserverdienender sind schon seit einer geraumer Weile vorbei. Das sich gerade in diesem Bereich inzwischen auch eine prekäre Beschäftigung breitgemacht hat, zeigt ja auch das Phänomen der "Generation Praktikum", so das durchaus auch hochqualifizierte sogar für 0 Euro bereit sind zu arbeiten. Im Gegenteil, die hohe Arbeitslosigkeit verstärkt IMHO noch die Bereitschaft (nicht nur der Akademiker) für immer und immer weniger zu arbeiten, schließlich gibt es ja genug die den Job auch gerne machen würden - zumindest ist genau das das Druckmittel, welches man immer von Unternehmerseite anbringt, wenn sich jemand mit seinene Arbeitsbedingungen unzufrieden zeigt.