Kerlokiste… dieser Thread, und die zu einem nicht unerheblichen Teil an haarsträubenden Kommentaren, haben es doch tatsächlich geschafft, mich zurückzuholen. Fanpost nehme ich gern via PM an.
Ok, dann versuchen wir doch mal ein gemeinsames Verständnisses zu vermitteln. Denn die Tragweite der aktuellen Entwicklung, ist eine weitaus größere, als so manch einer glauben mag.
Ganz nüchtern betrachtet, wollen Microsoft, Sony und Nintendo einen Direktvertrieb über ihre jeweiligen Plattform lieber heute als gestern umsetzen, und das ganz simpel, um ihren Profit zu steigern.
Physische Medien in der Gaming-Branche sind mit der Ankündigung seitens Sony im Jenseits angekommen, und Gevatter Tot lässt sich leider bei dem Rest nicht mehr aufhalten.
Die Ankündigung seitens Sony war aber nicht der Anfang vom Ende, sondern die Konsequenz eines Prozesses, der auch Dank unserer Naivität und Gleichgültigkeit an einem Punkt angekommen ist, welcher korrigiert werden muss. Micrtransactions, digital vertriebene DLCs, nicht optimierte Spiele, Cosmetics, Day1-Patches, oder der Elefant im Raum, in Form des Verkaufes von Lizenzen über digitale Stores, etc. haben wir über die Generationen hinweg geschluckt und mitgetragen.
Kommen wir also zum Bewusstsein, welches (nicht nur) innerhalb der Gaming-Community entstehen muss.
Punkt 1: Was kaufe ich da eigentlich?
- Digital angebotene Spiele:
Bei den meisten Spielen, welche ihr über die unterschiedlichen Stores digital kauft (ausgenommen GOG und vereinzelte Titel in anderen Stores), handelt es sich schlicht um Lizenzen, welche an eurem Account gebunden sind und euch auf unbestimmte Zeit das Recht einräumen, eine Kopie des Spiels herunterzuladen und diese zu nutzen. Das war’s.
Dieser Version ist lediglich ein Code hinterlegt, welchen ihr einlösen könnt, um darüber eine an euren Account gebundene Lizenz zu erhalten, die sich exakt so darstellt, wir zuvor beschrieben. Die vermeintlich günstigeren Preise, die man über einen Zwischenhändler finden kann, spielen in dem Kontext eine untergeordnete Rolle.
- Unvollständige Module und Disc-Versionen / Game Key Card:
Nein, die Game Key Card war an sich keine neue Erfindung von Nintendo, sondern eine “Optimierung” eines schon bestehenden Modells, wenn man so will.
Bei den genannten Arten ist es vollkommen Latte, ob Daten des Spiels sich auf dem Medium befinden, oder nicht. Wichtig ist zu verstehen, dass sich die Lizenz zur Nutzung auf dem (GKC-)Modul/der Disc befindet und nicht an dem User-Account gebunden ist. Ihr erhaltet damit das Recht auf unbestimmte Zeit, und in Verbindung mit dem jeweiligen Datenträger, das Spiel (auch ohne Account-Bindung) herunterzuladen/zu vervollständigen und schlussendlich zu nutzen, solange sich die Daten auf eurem Abspielgerät befinden. Können diese Daten nicht mehr bezogen werden, seid ihr zwar noch im Besitz der Lizenz, sie wird euch jedoch nichts bringen, wenn sich die Daten nicht auf dem Gerät befinden und ihr keine Möglichkeit mehr erhaltet, diese zu beziehen.
- Vollständige physische Versionen:
Bei vollständigen physischen Versionen wird euch (meist) ein Datenträger verkauft, auf dem eine vollständige Kopie des gesamten Spiels hinterlegt ist und sich entweder darüber starten lässt (Modul), oder darüber installiert wird (Disc). Zudem befindet sich auch die Lizenz, die euch die Nutzung erlaubt, auf dem Datenträger, die nicht an eurem Account gebunden ist. In den meisten Fällen (es gibt leider Ausnahmen) könnt ihr das Spiel somit offline nutzen und von Anfang bis Ende spielen, auch ohne Account-Bindung.
Im zuletzt beschrieben Fall seid ihr Ergo im Besitz einer Kopie des Produktes, welche die Lizenz auf dem Datenträger mit sich bringt.
Punkt 2: Die reale Gefahr, die besteht
An sich sind es keine neuen Gefahren, sondern diese bestehen schon seit dem digitalen Vertrieb von Spielen.
Euch kann der Zugriff seitens der Publisher/Hersteller entzogen werden. Das ist eine Realität schon seit der PS360, ergo nicht erst seit gestern. Nein, ich spreche nicht nur davon, dass die Spiele aus dem Store genommen werden können, sondern euch ebenso der Zugriff zum Download eines Produkts verwehrt werden kann, für das ihr bezahlt habt. Das ist mir persönlich schon passiert, und vielen anderen ebenso. Das ist und bleibt mit dem aktuell gängigen Lizenz-Modell eine Realität, da gibt es auch nichts dran zu rütteln. Vollkommen egal, ob ihr diese Lizenz digital bezieht, oder über unvollständige Disc/GKC. Seid ihr nicht im Besitz einer vollständigen Kopie des Spiels, besteht diese Gefahr.
Weiter kann euch der Account aus unterschiedlichen Gründen gesperrt, oder Opfer einer Straftat werden, welche euren Account kompromittiert. Das ist ebenso Realität und im Falle von Sony gar ein immenses Problem, da die Sicherheit des PSN unterste Kanone und vollkommen absurd ist. Vergegenwärtigt euch das nachfolgende und denkt darüber nach.
Beispiele:
An Xbox player claims Microsoft deleted his 25-year-old account after it was hacked, wiping out thousands of dollars' worth of digital games.
www.vice.com
PSN gehackt: Neuer Fall zeigt, wie Angreifer über alte Transaktions-IDs den Sony-Support austricksen. Und warum Promi-Status bei der Rettung hilft.
playfront.de
Ab Minute 44:59:
Zusatz:
Erhaltet ihr demnach keinen Zugriff mehr auf euren Account, stehen euch die vorab gekauften Lizenzen darüber nicht mehr zur Verfügung.
Bei Unvollständigen Modulen, und Disc-Versionen / Game Key Card, habt ihr zumindest die Chance auf den Inhalt über einen neuen Account zuzugreifen. Die digital gekauften Lizenzen sind dennoch weg und somit auch der Zugriff auf “eure” Spiele.
Unterm Strich bleibt, man ist den Launen Dritter ausgesetzt, obwohl man ein Produkt zum aufgerufenen Preis bezahlt hat.
Punkt 3: Was sich ändern muss
Wie schon gesagt, physische Medien sind in der Gaming-Branche tot. Sony hat den abschließenden Akt gestartet, Microsoft wird nachziehen und Nintendo verabschiedet sich als letzter. Der Fokus muss ich auf den Besitz eines digitalen Produktes richten.
Auf Konsolen gibt es über kurz (Sony/MS) oder lang (Nintendo) keine Alternative mehr, sich auf anderem Wege für euer Abspielgerät Spiele zu kaufen. Die Option wird euch genommen, wie eben auch die Sicherheit auf eure gekauften Produkte stets zugreifen zu können. Es handelt sich jeweils um einen geschlossenen Garten, in dem ihr Gäste seid und ihr Eintritt zahlen dürft. Die Publisher/Herstellern sind darin die Gärtner und es ist ihnen dort Tür und Tor geöffnet, über Preisgestaltung, bis hin zu der Art der Angebote zu entscheiden.
Als weiteres Beispiel möchte ich aktuell GTA VI aufführen, wo die “Vollversion” nicht nur schlappe 99,99€ kostet, sondern ebenso mit einer Subscription daherkommt, wenn auch diese manuell aktiviert werden muss, jedoch mit einem Abonnement, welches sich automatisch verlängert, sofern ihr nicht an die Kündigung denkt:
Eine fragmentierte Angebotsform ist nicht neu (herausgeschnittene Inhalte der Vollversion als DLC). Subscription kennen wir im Gaming zu genüge und Cloud-Saves werden hinter einer PayWall geparkt, zudem ist eine dynamischer Preisgestaltung keine Neuheit mehr. Über die Sicherheit/Zugriff eurer Daten/Spiele haben wir anhand des Beispiels Sony schon gesprochen.
Die einzige Konsequenz, die daraus entstehen muss, ist eine Änderung des gängigen Lizenz-Modells, hin zum “GOG-System”, nicht nur für Konsolen, sondern allgemein.
- Es muss sichergestellt sein, dass der Käufer im Besitz einer Kopie des gekauften Spiels ist.
- Nach einem Download muss gewährleistet sein, dass sich die Daten des Spiels extern sichern lassen (Festplatte/USB).
- Es muss eine Installation und die volle Funktionalität des Spiels ohne Internet-Anbindung und Online-Account-Bindung garantiert sein.
Das ist es, wo wir hin müssen. Wir als Konsument müssen wieder das Sichtfeld auf unsere Rechte rücken, nachdem wir viel zu lange den ganzen Scheiß mitgetragen haben (ja, auch ich). Kleinkriege und Grabenkämpfe bringen uns nirgendwo hin.
Da ist zum einen auch die Politik gefordert, zum anderen haben wir es ein Stück weit selbst in der Hand. Es ist jedoch absurd von jemanden zu verlangen auf das zu verzichten, was derjenige als sein Hobby ansieht. Es gibt jedoch alternative Möglichkeiten, wie man mit der Situation umgehen kann, wenn man denn möchte. Es ist dennoch erlaubt, wenn es einer anderen Person egal ist, respektive eine andere Auffassung vertritt, was mit seinen gekauften Lizenzen passiert. Nur sollte man das große Ganze nicht aus den Augen verlieren.
Ein erster Schritt wäre schon mal damit gemacht, dass man den jeweils anderen nicht diskreditiert und ein gegenseitiges Verständnis aufbaut. Den Publishern/Herstellern ist es nämlich scheiß egal, ob sich die Gaming-Community zerfleischt, oder sich der Fanboy vor seinen Liebling wirft. Es geht auch nicht darum, ob Digital-Only-Kaüfer besser sind als ein Käufer von physischen Medien, oder andersrum.
Am Ende des Tages schadet der Kurs, auf dem wir uns schon lange Zeit befinden, nur uns allen, unabhängig davon, ob man am PC spielt, oder auf der Konsole. Was bleibt, ist, dass wir auf einen Eisberg zusteuern und sogar noch die Zeche dafür zahlen.
Schickes Wochenende