Seit 5 Jahren schreibe ich Filmrezensionen und wie es so kommt, werde ich dadurch oft auf meine Artikel angesprochen. Selten auf den Inhalt, aber oftmals auf die ominöse Wertung, die sich am unteren Ende jeder Kritik wiederfindet. Meistens hat es dann damit zu tun, dass man bezüglich dieser doch etwas anderer Meinung ist. Darf man gerne sein, aber ich wollte einmal mit einem Zwinkern erläutern, warum ich bewerte, wie ich bewerte.
In den ersten Tagen BGs wurde die Wertung damals noch ganz anders gehandhabt. Zu der frühen Zeit bin ich stets nur danach gegangen, wie viel Spaß ich im Kino hatte, wodurch Sachen wie “Into the Blue”, “Stealth” oder “Die Insel” plötzlich Topwertungen bekamen (legendär). Dass das eigentlich keine Topfilme sind, sieht jedoch ein Stevie Wonder. Es musste also ein anderes Maß her, das mich nun schon häufig in Diskussionen verwickelt hat.
alba
Nehmen wir einen handelsüblichen Lundgren. Dolph Lundgren spielt Hauptrollen in B-Actionfilmen, verkauft sich gut und liefert jedes Mal genau das, was sich seine Fans von ihm wünschen. Kantiges Auftreten, Shootouts, Oneliner. Jetzt schreibe ich eine Kritik dazu und stempele das Ding mit unter 5 Punkten ab. Skandal. Verglichen mit den letzten Seagals sei der doch super, es sei Lundgrens beste Regie bisher und überhaupt sei das mindestens ein 7er oder 8er. Ein 7er oder 8er? Von 10? Da müssen wir doch erstmal schauen, wie diese Skala überhaupt funktioniert. 0-10, 10 das Höchste. Lundgren eine 8? Das würde ja bedeuten, dass der Film absolut klasse ist und nur knapp am Optimum vorbei schlittert. Ein Lundgren?
Dann kommt meist die Anmerkung, dass man einen Lundgren ja nicht mit anderen Filmen vergleichen könne. Dass man den als das messen müsse, was er ist. Aber was ist damit gemeint? Verglichen mit anderen Lundgrens? Okay, was ist mit “Universal Soldier” und “Rocky IV”, die offensichtlich besser waren, sind das dann 12er und 17er? Denn die sind auch objektiv gesehen doch um Welten besser. Nein, das geht auch nicht, wenn, müsse man ja gleichteure DVD-Produktionen nehmen. Ein 200 Millionen Dollar Bay hätte es ja sonst immer automatisch besser als kleine Produktionen (was nicht stimmt, s. “Transformers II”, Kritik). Okay, was ist mit “Ghettogangz”, “Revenge of the Warrior” und “Undisputed II”? Die sind auch nicht der ganz große Wurf, stecken den neuen Lundgren aber auf gleicher Höhe in die Tasche. Nein, so darf man ja dann auch nicht vergleichen.
Gut, also kein Vergleich. Ohnehin eine dumme Idee, von irgendeinem Maximum auszugehen. Mal angenommen, man sähe “Bloodsport” als Referenzfilm mit 10. Was, wenn ein ganzer Stapel neuer Filmen erscheint, der weit besser ist? Sammelt sich das dann alles bei 10 oder rutscht Bloodsport runter?
bloodsport
Nun gut, streichen wir die Idee mit dem Vergleich mal endgültig, nicht mehr länger auf andere Filme geschaut. Nehmen wir mal als Beispiel den Wolfman (Kritik). Ein äußerst blutiger, actionreicher Werwolfreißer mit Oscar-Darstellern. Da wird dann gesagt, er wolle ja auch nur blutige Action sein. „Nur“, wie in „nur das darf man sich erwarten“. Wieso? Wer sagt das? Das hieße ja, der Film will gar nicht richtig gut sein, nur ein bisschen gut. Welcher Maßstab ist das denn? Das ist ja so, als würde ein Schüler seine 4 zum Lehrer bringen und sagen, er hatte ja eh immer nur vor, eine 4 abzuliefern, er habe genau das getan, als müsse er dafür eine 1 kriegen.
Zurück zum Wort „nur“. Was soll das? Das hört sich ja wie eine Ausrede an. Sorry, wir hatten nur ein Hundertstel von dem Budget von “Transformers”, deswegen ist unser Transmorphers eher schlecht. Sorry, wir hatten nur schlechte Darsteller, sorry, das war mein erster Film und ich hab keine Erfahrung, sorry, was Besseres fiel uns nicht ein. Wieso sollte man diese Ausreden hinnehmen? Man kann sie akzeptieren – was ich tue; ich weiß, dass “Freitag der 13te VIII” von talentlosen Narren gemacht wurde und sie es tatsächlich nicht besser konnten, dennoch liebe ich den Film auf seine Weise. Würde mir mein Cousin mit seinen zwei linken Händen aber einen Schrank falsch aufbauen, fänd ich das nett von ihm, wüsste aber trotzdem, dass der gebaute Schrank misslungen ist – aber man darf doch dann nicht alles einfach blind übersehen. Es geht um erwachsene Filmemacher, die hauptberuflich Filme machen. Einen Schreiner bemitleidet man auch nicht, wenn er nicht schreinern kann. Entweder er kann und macht das beste draus oder er darf sich anhören, dass er es nicht kann.
manhattan
Um zurück zum “Wolfman” zu kommen. Ja, der Film ist nur blutige Action, aber war das alles, was sie daraus machen konnten? Es wird oft gesagt, die kleinen Filme hätten weniger Chancen, da sie weniger Geld haben. Ist das ein Grund? “Wolfman” kostete rund 100 Millionen Dollar, trotzdem spricht ihn das allein nicht von Kritik frei. Die teuren Computeranimationen sehen im Film unecht aus, oftmals reißt es einen aus dem Film. Wenn ich einen kleinen Film für ungelungene Bemühungen loben müsste, müsste ein Film, der besagte Möglichkeiten hat, diese aber versemmelt, gleich dreimal so viel Kritik kriegen. Die Effekte sind ja auch nicht das größte Übel des Films, das größte Problem ist die Tatsache, dass er mit einem Affenzahn durch seine Handlung kloppt und nichts aus seinen Figuren macht. Hopkins und Del Toro gehören definitiv mit zu den besten Schauspielern der Welt. Das muss man sich mal überlegen und sich dann ihre Rollen ansehen. Würde man das auch sagen, würde man nur diesen Film von ihnen kennen? Nein, wieso nicht? Genau, weil sie im Film nicht sensationell sind. Obwohl sie es drauf haben. Das liegt am Script, an der Regie, aber auch an ihnen, die sich nicht vollends bemühen. “Man kann ja nicht für jeden Film 100%” geben, mag man nun sagen, aber dann entgegne ich: “sorry, ich auch nicht”.
Story und Stil. Ist das wirklich das weltbeste, das einem zum Wolfman einfällt? Schnelle Actionszenen und Wolfman vs Wolfman? Wenn man schon in Mooren und im alten London unterwegs ist, wie wär’s dann vielleicht mal mit Spannung? Wie soll man um/mit Emily Blunt bangen, wenn man nie mitgerissen wird? Ihre Nacktszene in Ehren, aber das langt nicht. Um mitzufühlen, muss man Charaktere kennen, sie mögen. Wie soll man für Del Toro sein, der die meiste Zeit regungslos und gelangweilt umher schleicht? Wie soll man Spaß-Antipathie gegen Hopkins aufbauen, wenn der niemanden mag und das auch noch gelangweilt ins Publikum fletscht. Als Lecter faszinierte er, bannte, wirkte bedrohlich, clever und intelligent. Wer würde, wäre dies sein erster Film, diesen Mann in den Himmel preisen? Wieso er das nicht tat? Weil es ihm egal war, weil er die internen Probleme mitbekommen hatte und wusste – wenn die nicht alles geben, brauche ich es auch nicht. Ein guter Bekannter von mir hat erst kürzlich mit Benicio gesprochen und gesagt, dass Benicio vom Endergebnis enttäuscht ist (was er öffentlich natürlich nicht sagen könnte oder dürfte). Es war seine Chance, einen seiner Lieblingsfilme zu ehren, und das hatte sich der “Che”-Darsteller auch gewiss anders vorgestellt als einen flotten Actioner mit viel CGI. Wieso also nicht auch auf der anderen Seite der Leinwand enttäuscht sein dürfen?
Darauf will ich hinaus. Wenn ich mir einen Film ansehe, ist es mir egal, wie teuer der war, wer da mitspielt, was der Regisseur vorher gemacht hat, worum es geht, welche Konkurrenz es gibt oder wie alt der Film ist. Wenn ich mir einen Film ansehe, werte ich nur nach zwei wichtigen Gesichtspunkten: a) habe ich das Gefühl, dass die Verantwortlichen Talent haben? und b) habe ich das Gefühl, dass die das Bestmögliche draus machen wollten?
Nehmen wir als Beispiel “Aliens” (Kritik). Der Film kostete 18 Millionen Dollar und war damit auch 1986 nicht billig. Trotzdem hatten die Macher verflucht wenig Zeit und für ihre Zwecke damals eigentlich viel zu geringe Mittel. James Cameron hatte sich aber auf den Arsch tätowiert, die bestmögliche “Alien”-Fortsetzung zu machen. Er verbrachte schwitzend Wochen an der Schreibmaschine, um das Drehbuch bis zum Letzten auszureizen. Dann machte er aus den finanziellen Möglichkeiten so einen Irrsinn, dass er seine 18 Millionen Dollar Produktion wie einen dreimal so teuren Film aussehen ließ. Weil er sich unendlich Tricks einfallen ließ, kaum schlief, seine Leute mit Motivation überschlug und durch großartige Regie versteckte, dass die Queen, die Aliens und die meisten Sets technisch eigentlich grottig waren. Es war eine perfekte Mischung aus Mühe und Talent, die gewürdigt wurde. “Alien”s spielte sein Budget sechsmal wieder ein und war siebenmal Oscar nominiert, von denen er drei sogar bekam. Es ist ein Film, der Geschichte geschrieben hat. Zu Recht. Ich kann aus diesem Gründen einem “Aliens vs Predator Requiem” (Kritik) niemals 7/10 geben, weil da gute Kills drin sind und er nicht mehr als das sein will. Das ist eine Beleidigung für einen Film wie “Aliens”, der wahre Filmleidenschaft bedeutet. Wenn mir Kills und ein paar Effekte schon reichen und ich Story und all das eh nicht brauche, kann ich mir eh jegliche Kritik sparen und gleich ALLES superb finden.
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Ich weiß, dass im Gamebereich bereits alles als Enttäuschung gesehen wird, was unter 85% liegt, aber so ist das hier nicht. 5/10 ist solides Mittelmaß und wenn ein Film 5 Punkte kriegt, wie “The Wolfman”, ist das kein Beinbruch. Eine vergleichbare 3 ist keine schlechte Note. Das ist keine Schande, kein Fehlschlag. Es ist eine Enttäuschung, weil er aus einem 10/10 Konzept nur die Hälfte gemacht hat, aber wem das reicht – und was im Film gut ist steht im Text über der Nummer – der braucht sich von einer 5 nicht enttäuschen lassen. Wenn ich sehe, dass ein Lundgren 5 Punkte kriegt, horche ich auf – weil Lundgren Filme in der Regel keine Leidenschaft, keine großen Bemühungen zeigen. Ich lasse mich da gern noch vom Gegenteil überzeugen, aber so lange sich Lundgren nicht als Talent beweist, der sich hinsetzt und mit aller Kraft versucht, das Bestmögliche zu schaffen, bin ich unzufrieden. Dafür hat er bereits das wichtigste, für das man auch kein Geld braucht: Hände. Hände, die eine gute Story tippen oder anderenfalls einen guten Autor engagieren können, einen großartigen Film zu schaffen.
Man muss ja nicht einmal eigene Ideen haben. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass Lundgren “Command Performance” abgetippt hat und der Meinung war, das ist super. Super wie Stirb Langsam. Jetzt nicht mit “Stirb Langsam” verglichen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Lundgren mit leuchtenden Augen aufs Set ging und sagte „Leute, heute drehen wir den geilsten, besten, packendsten, unterhaltsamsten Film dieses Genres und meiner DVD-Karriere“. Nein, der Eindruck der bleibt ist „joar… wir machen mal, passt schon“. Mir „passt schon“ kam man in der Schule aber auch nur bestenfalls mit „ausreichend“ davon, und jeder in der Unterhaltungs- und Kunstbranche sollte stets mit der Motivation starten, etwas möglichst Tolles zu kreieren. Selbst wenn es banaler Blödsinn ala “Phantom Commando” ist – wenn er mit so einem Spaß und einer liebevollen Idiotie gemacht ist, sei er geliebt und willkommen.
Patton Oswalt (als Jason Statham): “I promise that you will not FOR ONE SECOND be bored during one of my movies. You won’t learn shit about the human condition, or feel a collective connection with the brotherhood of man. But if you give me $10, I will fuck an explosion while a Slayer song plays.”
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—— Epilog: Das sei nun keine Kritik an den Kritikern meiner Kritiken, ich wollte nur einmal gründlich klarstellen, wie ich persönlich das generell sehe – was gern jeder für sich anders sehen kann. Hart ins Gericht gehe ich nur mit Filmen, und das wenn, nur aus obrigen Gründen. Leserkritik nehm ich dafür gerne, also nur zu ——