Nur weil man nicht dazu gezwungen wird, heißt es nicht, dass es eben nicht existiert. Sprich: Freiwilligkeit widerlegt nicht Beeinflussung.
Dein Konsumverhalten kann beeinflusst werden, ohne dass du das bewusst möchtest. Wenn zukünftige Spiele bestimmte Inhalte, Figuren oder normative Vorstellungen auf eine andere Art vermitteln als früher, verändert sich damit auch das Angebot, aus dem du auswählen kannst. Zum Glück kann die Kaufkraft ja darauf reagieren, wie du es geschrieben hast: Wer ein Unterhaltungsprodukt nicht konsumieren möchte, kann es ablehnen oder nicht kaufen. Ich selbst möchte ein Unterhaltungsprodukt und kein Produkt, dessen eigentlicher Zweck darin besteht, mir eine bestimmte politische oder gesellschaftliche Haltung zu vermitteln - egal, wie minimal oder zentral die Thematik nun tatsächlich vorkommt. Jedes Produkt, welches Wokeness enthält, ist ein Zeitgeist-Produkt und nicht zeitlos.
Man könnte das sogar auf dieses Forum übertragen: Wenn wir plötzlich festlegen würden, dass eine bestimmte Gruppe nicht mehr ausreichend vertreten ist und deshalb per Geschlechter-Lotterie bestimmt wird, welches Pronomen oder Geschlecht jemand haben darf, wäre das keine individuelle Entscheidung mehr, sondern eine von einer Kerngruppe vorgegebene Norm. Genau diese Frage nach aufgezwungener Akzeptanz und nach der Autorität, festzulegen, wie etwas gesellschaftlich zu sein hat, ist für mich entscheidend. Würdet ihr das wollen? Nein, weil es eure Identität angreift und jemand bestimmt, dass es nun so eben ist. Dass es Menschen gibt, denen solche Veränderungen egal sind, widerspricht dem nicht. Sie können diese Entwicklung akzeptieren oder ignorieren. Das ist dann ihre persönliche Entscheidung. Die Existenz einer freiwilligen Entscheidung bedeutet aber nicht automatisch, dass vorher keine Beeinflussung stattgefunden hat.
Mich stört auch die Art der Vermittlung. Problematisch wird es dort, wo bestimmte Weltbilder systematisch normalisiert, wiederholt oder gegenüber anderen Positionen privilegiert werden und gleichzeitig sozialer Druck entsteht, diese Entwicklung zu akzeptieren. Warum? Noch problematischer wird es, wenn das Hinterfragen dieser Norm selbst mit Abwertung, Ausschluss oder anderen Konsequenzen beantwortet wird. Das ist doch "Die Welle" Reloaded, ohne dem faschistischen Beigeschmack, weil vielmehr bestimmte Mechanismen von Gruppendynamik auftauchen: Gruppenzugehörigkeit, Konformitätsdruck, die Normalisierung bestimmter Verhaltensweisen und die Sanktionierung von Abweichlern. Diese Mechanismen können (bzw. werden auch) in völlig unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Kontexten auftreten. Wenn es so "schlecht" ist, warum akzeptieren wir es in solchen Diskussionen? Weil es "harmlos" ist?
Die entscheidende Frage ist eine andere: Nicht „Was wird dargestellt?“, sondern „Wie wird es vermittelt, welche Botschaft wird dabei transportiert und welche Alternativen bleiben dem Rezipienten?“. Wo setzt man daher die Grenze zwischen normaler kultureller Beeinflussung, ideologischer Einflussnahme und tatsächlicher Indoktrination?