Wenn man diese Zustände mit den Aussagen führender israelischer Politiker zusammennimmt, sind das keine beliebigen Begleitumstände, sondern Faktoren, die den Genozidvorwurf zumindest plausibilisieren - zumindest die Plausibilität dieser Vorwürfe müsste doch jeder mit gesundem Menschenverstand anerkennen können. Dann könnte man auch den Gedanken zulassen, dass es in Gaza womöglich gerade nicht mehr um „legitime Sicherheitsinteressen“ geht.
Führe keine zusätzliche Ursache ein, wenn die vorhandene Erklärung die Beobachtung bereits hinreichend erklärt. Eine genozidale Intention ist sowohl unplausibel als auch überflüssig zur Erklärung des Geschehens im Gazastreifen. Daran ändern auch gewisse Aussagen nichts.
Ich halte es deshalb wie Laplace: Ich brauche diese Hypothese nicht.
(Reminder: Vielleicht führe ich das irgendwann noch genau aus, verständigeres Publikum vorausgesetzt.)
Ohnehin bleibt bei deiner Argumentation ein grundlegendes Paradox ungelöst: Wie lange kann man sich auf Sicherheitsinteressen berufen, wenn deren Durchsetzung auf die Vernichtung eines Volkes hinausläuft?
Auf legitime Sicherheitsinteressen kann sich jeder solange berufen wie seine Sicherheit bedroht ist und wie er mit genau dieser Intention handelt. Die Legitimität des Ziels legitimiert dabei nicht jedes Mittel. Umgekehrt delegitimieren illegale Mittel nicht die Legitimität des Ziels. Wer in Wirklichkeit mit genozidaler Absicht handelt und Sicherheitsinteressen nur vorschiebt, kann sich nicht wirksam auf Sicherheitsinteressen berufen. Das hatte ich aber weiter oben bereits geschrieben.
Ab welchem Punkt widerlegt die Realität das angeblich legitime Ziel?
In dem Moment wo eine Alternativhypothese bzgl. des tatsächlichen Ziels die Beobachtungen besser erklären kann, wird die Alternativhypothese plausibler.
Kommt Dir daran immer noch etwas paradox vor, oder war es diesmal verständlich genug?
Begriffe wie „Antisemitismus“ und „israelische Sicherheitsinteressen“ behandelst du selbst gar nicht mit der begrifflichen Vorsicht, die du beim Genozidvorwurf so demonstrativ einforderst. Umso auffälliger ist die unverhältnismäßige Empörung bereits über die bloße Möglichkeit, dass die Zustände in Gaza tatsächlich einen Genozid darstellen könnten.
Antisemiten argumentieren nicht die bloße Möglichkeit, sondern glauben das wirklich. Und zwar i.d.R. mit nicht mehr korrigierbarer und somit wahnhafter Intensität. Wer sich davon abgrenzen und sich ernsthaft mit der Möglichkeit eines Genozids auseinandersetzen will, sucht deshalb nicht nur nach bestätigender, sondern ganz besonders gründlich nach widersprechender Information. Das haben wir von Popper gelernt. Wenn auf korrigierende Informationen (oder deren bloßer Möglichkeit) direkt mit Feindseligkeit reagiert wird, ist das für mich immer ein zuverlässiger Indikator wohin die Tendenz geht.