Interessante Analyse:
- Teheran strebt keinen Waffenstillstand an und hat Annäherungsversuche von Trump zurückgewiesen. Der Grund ist, dass man dort glaubt, im Juni einen Fehler gemacht zu haben, als man einem Waffenstillstand zustimmte – dieser habe es den USA und Israel nur ermöglicht, sich neu auszurüsten und zu mobilisieren, um erneut Krieg zu führen. Würde man jetzt wieder zustimmen, so die Annahme, käme es in wenigen Monaten erneut zu Angriffen.
- Damit ein Waffenstillstand akzeptabel wäre, scheint es für Teheran schwierig zu sein, diesem zuzustimmen, solange die Kosten für die USA nicht deutlich höher sind als derzeit. Andernfalls würden die USA den Krieg zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufnehmen, so die Kalkulation.
- Entsprechend hat der Iran seine Strategie angepasst. Er greift Israel an, jedoch sehr anders als im Juni. Statt einer Salve von 50 Raketen auf einmal gibt es über den Tag verteilt ein konstantes Angriffslevel. Der Schaden ist geringer, doch das scheint kein Problem zu sein, da Teheran zu dem Schluss gekommen ist, dass Israels Schmerzgrenze sehr hoch ist – solange die USA im Krieg bleiben. Daher verlagert sich der Fokus auf die USA.
- Von Beginn an, und vielleicht überraschend, hat der Iran US Stützpunkte in der Region ins Visier genommen, auch in verbündeten Staaten. Teheran kalkuliert, dass der Krieg nur dann dauerhaft enden kann, wenn die Kosten für die USA drastisch steigen, einschliesslich amerikanischer Opfer. Nach der Tötung von Ayatollah Khamenei erklärte der Iran, es gebe keine roten Linien mehr und man werde alles daransetzen, diese Stützpunkte zu zerstören und hohe amerikanische Verluste zu verursachen.
- Der Iran geht davon aus, dass viele im amerikanischen Sicherheitsapparat frühere Zurückhaltung als Schwäche oder als Unfähigkeit bzw. Unwillen interpretiert hatten, sich in einem direkten Krieg den USA zu stellen. Teheran versucht nun mit allen Mitteln das Gegenteil zu demonstrieren – trotz der enormen Kosten, die es selbst tragen wird. Ironischerweise hat die Tötung Khameneis diesen Strategiewechsel erleichtert.
- Ein weiterer Aspekt ist, dass der Iran nun auch Stützpunkte auf Zypern angegriffen hat, die für Angriffe gegen den Iran genutzt wurden. Teheran ist sich bewusst, dass dies einen Angriff auf einen EU Staat darstellt. Doch genau das scheint beabsichtigt zu sein. Offenbar will Teheran den Krieg nicht nur auf die Staaten am Persischen Golf, sondern auch auf Europa ausweiten. Man beachte den Angriff auf den franzoesischen Stützpunkt in den VAE. Damit der Krieg enden kann, müssen offenbar auch Europa Kosten entstehen, so die Logik.
- Hinsichtlich der innenpolitischen Lage scheint es nur begrenzte Sorgen zu geben. Die Bekanntgabe von Khameneis Tod öffnete ein Zeitfenster, in dem Menschen auf die Strasse hätten gehen und versuchen können, das Regime zu stürzen. Obwohl es vielerorts Freudenäusserungen gab, blieb eine echte Mobilisierung aus. Dieses Zeitfenster schliesst sich nun wieder, da das theokratische System die Reihen schliesst und eine neue formelle Führung etabliert.
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Lange Rede, kurzer Sinn: Trump und Netanyahu haben einen Venezuela-Moment angenommen und sich verkalkuliert, wodurch sich die „Spezialoperation“ zu einem Krieg ohne sichtbares Ende entwickeln könnte, der globales Ausmaß annimmt mit hohen Kosten. Die iranische Führung ist gewillt alles zu verlieren, solange die Kosten auf Seiten der Kriegsgegner ebenso hoch sind. Das wird aber davon abhängen, wie stabil und loyal die Befehlskette innerhalb des Regimes ist und ob es nicht durch eine Opposition torpediert wird.