Der georgische Rodler Nodar Kumaritaschwili rast auf der Hochgeschwindigkeitsbahn in Whistler in den Tod. Trotz verkürzten Anlaufs stürzen die Schlittenfahrer munter weiter durch die Eisrinne.
Die Abfahrtspiste der Frauen gleicht einer Stuntbühne. Reihenweise verlieren die kühnen Skijägerinnen die Haftung unter ihren Skiern und segeln bis zu 60 Meter durch die Luft. Die Snowboarder fliegen nicht immer standsicher durch die halsbrecherische Halfpipe. Gleich acht Bobs poltern seitlings durch Eiskanal.
Der hochgezüchtete Athlet ist immer größeren Risiken und Gefahren ausgesetzt. Er ist in seinen Sport hineingeboren und sollte wissen, worauf er sich bei seinem Tun einlässt. Er wird nicht gezwungen, sich auf Weltspitzeniveau zu messen. Er kann Nein sagen, doch er macht es nicht, weil die leistungsorientierte Körperertüchtigung seine Passion ist.
Sonst nämlich würde er sich dafür nicht jahrelang martialisch schinden, Entbehrungen und Verletzungen in Kauf nehmen, um beim wichtigsten Wintersportfest der Welt dabei zu sein. Um so möglicherweise auch zu Ruhm, Ehre und Reichtum zu kommen. Ist der Sportler also allein schuld, wenn er beim Ausüben seiner Leidenschaft Kopf und Kragen riskiert?
Verantwortung tragen zuvorderst die Verantwortlichen, die als Veranstalter und Organisatoren fungieren. Die internationalen Fachverbände sind zuständig für Regeln und Anlagen. Sie sind diejenigen, die der lukrativen Ware Sport immer mehr Dynamik, Spannung und Nervenkitzel einverleiben wollen. Frei nach dem Motto ihres olympischen Urvaters Pierre de Coubertin „Schneller, Höher, Stärker“ setzen sie schnellere Eiskanäle und gefährlichere Pisten in die Landschaft. Denn nur wenn es ihnen gelingt, den Adrenalinkick der Konsumenten zu erhöhen, lässt sich ihr Produkt noch profitabler verkaufen. Glauben sie zumindest. An die Protagonisten wird dabei als allerletztes gedacht.
www.welt.de